Disclaimer: Diese Erzählung strotzt vor Pathos, dramatischen Wendungen und möglicherweise der ein oder anderen Übertreibung. Doch keine Sorge – im Kern ist alles genau so passiert. Mehr oder weniger.
Fern in einem sonnigen, verborgenen Tal, wo goldene Felder im Wind wogen und das Murmeln eines klaren Baches die Stille erfüllte, erzählte man sich einst die Legende von den Wildgänsen. Von den blitzschnellen, kraftstrotzenden und gewieften Frauen, die sich zusammenschlossen, um sich gemeinsam in ein Abenteuer zu stürzen, in das Abenteuer 1. Liga. Bald schon wisperten die Leute im Dorf den Namen der Frauschaft voller Ehrfurcht. Man nannte sie die Unbesiegbaren des Fricktals – nicht, weil sie niemals verloren, sondern weil sie niemals aufgaben. Es heisst, sie trainierten härter als alle anderen. Während gewöhnliche Spielerinnen ruhten, rannten sie durch Stürme, stemmten Felsen statt Gewichte und trainierten in einer Halle, die so klein und rutschig war, dass selbst Chuck Norris dort ausgerutscht wäre. Ich habe hier und heute die Ehre, von den irrwitzigen Errungenschaften ebendieser Frauen zu berichten. Auch wenn es schwerfällt, dies in Worte zu fassen.
Es war der zweite Winter, von welchem ich erzählen werde, ein harter und zäher Winter für die wilden Gänse. Nach phänomenalem Auftakt der Saison stagnierte der Erfolg und die Punkte blieben aus. Die Frauen, von welchen dieser Mythos handelt, resignierten aber keineswegs und trainierten weiter. Der letzte Triumph wurde unter warmer Oktobersonne gefeiert, danach gerieten die Wildgänse ins Straucheln, Spiele gingen erst knapp und dann deutlich verloren. Doch wie schon zuvor erwähnt, zeichnete sich diese Gruppe durch eine starke Mentalität aus und so konnte die Moral der Frauschaft nicht gebrochen werden, die Zuversicht auf Erfolg nicht genommen werden. Es war ein Sonntag zu Beginn des Februars, als die Sonne endlich wieder für die Wilden schien.
Am 02.02.2025 verliessen die Wildgänse ihre Heimat noch bevor es draussen hell wurde und reisten ins tiefe Baselland, eine Ortschaft mit dem Namen Bubendorf. Um 09.00 Uhr stiegen die Gänse dann in den Ring, um gegen die eisernen Murmeltiere anzutreten. Die Davoserinnen, welche sich für dieses Aufeinandertreffen mitten in der Nacht losmachten, schienen deutlich abgeklärter und fertigten die Gooserinnen mit einem 6:1 klar ab. Einzige Sternstunde war dabei das Tor von der Wild Goose Nummer 5, Lena Albert, die die Frauschaft als Youngster mit dem Ehrentreffer erfreute. Von der Mitte liess sie den Ball abzischen aufs Tor, unhaltbar für die Bündner Torwartin. Nach diesem Spiel zeigte sich dann aber erst die grosse Qualität der Gänse. Denn es wäre einfach gewesen, den Kopf hängen zu lassen oder gar in den Sand zu stecken. Es wäre einfach gewesen, im Selbstmitleid zu versinken und dem verlorenen Spiel nachzutrauern. Doch das wäre nicht die Gänse-Manier. Denn verlieren kann man ein Spiel. Aber solange man zusammensteht, kann man nicht besiegt werden.
Man erzählt sich, dass das zweite Spiel dieses Tages ein Derby war, also ein besonders wichtiges Spiel für die Wild Goose Damen. Die Wildgänse trafen, so besagt es die Legende, auf die Legion Wasserschloss, die Kontrahentinnen aus dem Kanton Aargau. Kampfesmutig, so wird es sich erzählt, traten die Fricktalerinnen aufs Feld, bereit den nächsten Sieg einzufahren. Das Feuer der Leidenschaft loderte bereits vor Anpfiff, die Unterstützung der Fans und der Beistand von der Seitenlinie von Trainer Pi, Debi Senn und Special Guest Aron entzündeten es dann erst recht. Debi S. war zu diesem Zeitpunkt leider verletzungsbedingt ausser Gefecht gesetzt. Doch war auch sie in diesem Spiel eine wichtige Stütze. Sie war eine wahre Seelenklempnerin, die bei Frust oder anderen Gebrechen da war und sie war eine unerschütterliche Kameradin, die jeder Spielerin mit nur einem Blick zeigte: „Komm, du schaffst das!“
Der erste Treffer ging zwar aufs Konto der Legion, doch der Ausgleich liess nicht lange auf sich warten. Die Linie um Larissa, Debi und Romaine machte Druck, sodass Romaine die Torhüterin mit einem frechen Lupfer übers Bein bezwingen konnte. Doch auch Wasserschloss erspielte sich wieder und wieder Chancen, was in einem Zwischenstand von 3:1 für die Gegnerinnen endete. Doch die Wilden spielten nach der Pause mit Inbrunst weiter und krempelten sich die Ärmel hoch, denn die zweiten 20 Minuten sollten die Entscheidung sein. Die Flinte wurde nicht ins Korn geworfen, auch nicht, als die Legion das 4:1 erzielte. Wasserschloss war schon halbwegs im Siegestaumel, doch die Frauen des Fricktals waren schnell, wild und entschlossen. Die Fans feuerten an: «Allez Wild Goose!!!» Und als ob ihr Name ihnen Flügel verlieh, flogen sie übers Feld. Zuerst traf Romaine, dann Debi und dann wieder Romaine. Ein perfektes Zusammenspiel aus Geschwindigkeit, Instinkt und absoluter Entschlossenheit, was die Gegnerinnen zum Time-Out zwang. Doch auch dies konnte den Sturmflug der Gänse nicht aufhalten. Romaine, beflügelt von ihrem Team, holte zum Doppelschlag aus und da stand das Endresultat von 6:4 fest.
Nicht lange später stand auch schon die nächste Meisterschaftsrunde an. Die sagenumwobenen Frauen reisten nach Davos, um sich zuerst mit Riehen, dann mit Winterthur zu messen. Beide Teams spielten ein schnelles Unihockey, beide waren jedoch besiegbar. Doch es sollte anders kommen.
Die Legende erzählt von einem unglaublichen Start in die Partie. Allen voran Block 1 mit Martina, Gina und Lena. Wildgans Martina fand Lena, die unmittelbar vor dem Tor lauerte. Lena drückte ab und traf! Doch Riehen glich bald schon aus und erspielte sich weitere Chancen, sodass es zur Pause 4:1 für Riehen stand. Nach der Pause bäumten sich die Fricktalerinnen wieder auf. Debi und Romaine agierten wieder einmal im perfekten Einklang, ein Duo wie Blitz und Donner, wie ein Herz und eine Seele derselben verrückten Kraft. Zuerst bediente Romaine Debi mit einem Pass, danach leistete Debi Romaine Schützenhilfe. Dies gab dem Team Aufwind und die Punkte waren zum Greifen nah. Es stand 3:4. Doch die Uhr tickte und lief gegen die Wildgänse. Man nahm letztes Risiko, um das Runde noch irgendwie im Eckigen unterzubringen. Doch dieses Unterfangen missglückte leider, Riehen nutzte die Chance und zementierte ihren Sieg mit dem Treffer zum 5:3.
Auch das zweite Spiel begann mit Fulminanz. Schon in der zweiten Spielminute musste der Unparteiische eingreifen und sicherte den Gänsen einen Penalty zu. Martina, die Spielerin mit dem grössten Erfahrungsschatz, dem härtesten Schuss, einer Abgeklärtheit sondergleichen und unglaublicher Coolness, übernahm die Verantwortung fürs Team und verwertete den Penalty gekonnt zum ersten Tor. Da gab es wahrlich Gänsehaut. Der Ausgleich Winterthurs folgte nach ein paar Minuten, was wiederum die Gänse anstachelte, einen drauf zu legen. Es war wieder Lena, extra aus den Ferien angereist, die die Gänsebrust vor Stolz anschwellen liess. Gekonnt manövrierte sie sich in eine Top-Position und katapultierte den Ball ins Tor. Nur ein Wimpernschlag später war es Debi, die ihre Gegenspielerinnen mit ihrer Geschwindigkeit zum Taumeln brachte und mit voller Wucht den Ball ins Tor fegte. Man munkelt, dass bei ihren Schüssen manchmal sogar die Funken sprühen… So stand es zwischenzeitlich 3:1 für die Gänse. Winterthur aber blieb hartnäckig und konnte bis zum Pausenpfiff auf 3:3 ausgleichen. Kurz nach der Pause setzte sich dann die Linie rund um Aline, Marlene und Sarah perfekt in Szene. Unbändig bahnte sich Marlene den Weg zum Tor und schoss frech und äusserst clever eine Gegenspielerin an, sodass diese den Ball via Abprall ins eigene Goal lenkte. Wieder übernahmen die Wilden die Führung. Doch Winterthur doppelte nach. Die Lage spitzte sich zu, beide Teams kämpften um den Sieg. Winterthur wurde für einen Stockschlag bestraft und musste in Unterzahl antreten. Das Überzahlspiel hatten die Gooserinnen geübt und mit äusserster Sorgfalt umgesetzt. Aline, Debi und Romaine machten den Gegnerinnen mächtig Druck, spielten die Pässe sauber hin und her, bis sich für Romaine eine Lücke ergab und sie den Ball ins Tor katapultieren konnte. Das Momentum war wieder auf Seiten der Wildgänse und Martina demonstrierte wieder einmal ihre Überlegenheit und ihre brillante Ballkontrolle. Elegant schlängelte sie sich hinter dem gegnerischen Tor hervor, wirbelte den Ball an der Schaufel geführt – Zorro-Style – durch die Lüfte und knallte ihn ins Tor. Die Führung hielt jedoch nur kurzzeitig an, Winterthur glich wieder aus. Dann war es wieder die blitzschnelle Debi, die die Gänse in Führung brachte, feurig fegte sie den Löcherball ins Netz. Die Uhr tickte, noch etwa zwei Minuten waren zu spielen. Winterthur nahm ein Timeout und verzichtete dann auf ihre Goaliefrau – die Fricktalerinnen musste sich im Unterzahlspiel beweisen. Die Wildgänse standen dicht beisammen, ein Bollwerk aus Entschlossenheit und Willenskraft. Kein Raum für Fehler, jeder Block zählte. Die Sekunden verstrichen wie in Zeitlupe, der Puls hämmerte in den Ohren. 15 Sekunden vor Schluss passierte es dann. Ein schneller Pass. Ein Schuss. Ein Ball, der durch eine winzige Lücke seinen Weg ins Tor fand. Winterthur gelang erneut der Ausgleich. Das Spiel war an Dramatik kaum zu übertreffen. Dieses Unentschieden schmerzte zu Beginn sehr, ja sogar so, dass es sich für manche wie eine Niederlage anfühlte. Doch nach der Dusche, so erzählt man es sich, besannen sich die Wildgänse auf ihre Philosophie und verliessen die Turnhalle mit einem stolzen Lächeln auf den Lippen.
Denn es gibt Teams, die durch Titel glänzen. Und es gibt solche, die durch Herzblut und Teamgeist unsterblich werden. Die Wildgänse waren nie einfach nur ein Unihockey-Team – sie waren eine Familie auf dem Feld, ein Schwarm wilder Vögel, der sich nie trennen liess. Sie fielen gemeinsam, standen gemeinsam wieder auf und feierten gemeinsam.
Schliesslich, so steht es in der Legende geschrieben, war dies der Tag, an dem die Gänse die Gewissheit hatten, den Ligaerhalt das zweite Mal geschafft zu haben.